Gamma-Levels: Was der Optionsmarkt über Unterstützung und Widerstand verrät

Zwei Anleger schauen auf denselben Chart und zeichnen zwei verschiedene Widerstandslinien ein. Beide haben gute Gründe, beide berufen sich auf alte Hochs und Tiefs. Wer recht hat, zeigt sich erst hinterher. Es gibt aber eine zweite Quelle, die kaum ein Privatanleger nutzt: den Optionsmarkt. Dort lässt sich ablesen, an welchen Kursmarken große Handelshäuser Aktien kaufen oder verkaufen müssen. Diese Marken heißen Gamma-Levels, und um sie zu lesen, musst du selbst keine einzige Option handeln.

Warum Handelshäuser Aktien kaufen müssen

Wenn du eine Option kaufst, steht auf der anderen Seite fast immer ein Market Maker, also ein professionelles Handelshaus. Es verdient an der Spanne zwischen Kauf- und Verkaufskurs und will selbst kein Kursrisiko tragen. Deshalb sichert es jede Optionsposition mit Aktien ab. Wie viele Aktien es dafür braucht, verrät eine Kennzahl namens Delta. Ein Delta von 0,50 heißt: Die Option verhält sich im Moment wie 50 Aktien, denn ein Kontrakt bezieht sich in den USA auf 100 Stück.

Gamma misst, wie stark sich dieses Delta ändert, wenn die Aktie um einen Dollar steigt oder fällt. Im Auto wäre Delta dein Tempo und Gamma die Beschleunigung. Ein Rechenbeispiel macht die Größenordnung greifbar: Bei einem Gamma von 0,05 muss das Handelshaus pro Kontrakt fünf Aktien nachkaufen, sobald die Aktie einen Dollar zulegt. Bei 50.000 offenen Kontrakten sind das 250.000 Aktien, ausgelöst durch eine einzige Dollar-Bewegung. Diese Käufe drücken keine Meinung über die Aktie aus. Sie sind erzwungen, und weil sie so groß sind, wirken sie auf den Kurs zurück.

Am höchsten ist Gamma dort, wo viele Optionen offen sind, der Kurs nah am Basispreis liegt und der Verfallstermin kurz bevorsteht. Datenanbieter wie Barchart rechnen das für jeden Basispreis in Dollar um. Die auffällig hohen Balken in dieser Darstellung sind die Gamma-Levels.

Stoßdämpfer oder Verstärker

Je nachdem, wie die Handelshäuser insgesamt positioniert sind, wirkt ihre Absicherung in zwei Richtungen. Bei positivem Gamma verkaufen sie in steigende Kurse hinein und kaufen in fallende. Das dämpft Bewegungen, der Markt wird ruhiger. Bei negativem Gamma läuft es umgekehrt: Sie kaufen, wenn der Kurs steigt, und verkaufen, wenn er fällt. Dann schaukeln sich Bewegungen auf. Die Grenze zwischen beiden Zuständen heißt Gamma-Flip-Punkt.

Das Beispiel NVIDIA

Am 16. Juli 2026 stand die NVIDIA-Aktie bei 212,50 Dollar. Der Flip-Punkt lag bei 195,62 Dollar, gut acht Prozent tiefer. NVIDIA bewegte sich damit im dämpfenden Bereich. Ein klassischer Charttechniker hätte Widerstände bei rund 215 und 220 Dollar eingezeichnet, weil der Kurs dort in den Wochen zuvor mehrfach abgeprallt war. Der Optionsmarkt zeigte dasselbe Bild, nur mit einer Begründung dahinter.

Call-Gamma (blau) und Put-Gamma (orange) je Basispreis. Quelle: Barchart, 16. Juli 2026.

Bei 215 Dollar stand der größte Call-Gamma-Balken des ganzen Charts, direkt über dem Kurs. Die nächste große Säule folgte bei 220 Dollar. Je näher der Kurs einer solchen Marke kommt, desto mehr Aktien müssen die Handelshäuser im positiven Gamma verkaufen, und der Anstieg verliert Schwung. Unter dem Kurs, bei 210 Dollar, lag ebenfalls viel Gamma. Dort greift der Mechanismus andersherum: Fällt die Aktie, kaufen die Handelshäuser, und der Rückgang wird abgefedert. Auch das Open Interest, also die Zahl der offenen Kontrakte, war bei 215 und 220 Dollar besonders hoch. Zwei unabhängige Hinweise an derselben Stelle wiegen schwerer als einer. Genau hier liegt der Unterschied zur Chartlinie. Eine Linie im Chart ist eine Beobachtung. Hinter einem Gamma-Level steht eine Ursache.

Gamma-Levels haben ein Verfallsdatum

Ein Haken bleibt. Optionen laufen aus, und mit ihnen verschwindet ihr Gamma. Bei NVIDIA hing der größte Teil am Verfallstermin vom 17. Juli, nur einen Tag nach der Aufnahme. Die Marken 210, 215 und 220 Dollar galten also vor allem für diese kurze Spanne, danach sortierte sich das Bild neu. Gamma-Levels von letzter Woche helfen dir deshalb nicht weiter, du brauchst immer frische Daten. Und die genauen Positionen der Handelshäuser kennt niemand außer ihnen selbst. Gamma Exposure ist eine Modellrechnung aus den offenen Optionen und liefert Wahrscheinlichkeiten, keine Gewissheiten.

Die zweite Meinung zu deinem Chart

Gamma-Levels ersetzen keine Chartanalyse. Sie geben dir eine unabhängige Bestätigung und sagen dir obendrein, wie nervös der Markt gerade ist, wo Hürden und Böden liegen und wie lange dieses Bild trägt. Wenn zwei Anleger zwei verschiedene Linien in denselben Chart zeichnen, zeigt dir der Optionsmarkt, welche davon eine Ursache hat.

Im Video zu diesem Beitrag gehe ich das NVIDIA-Beispiel Schritt für Schritt durch und zeige dir, wo du Gamma-Levels für jede Aktie findest: [Link zum YouTube-Video einfügen]

Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung, sondern erklärt analytisches Handwerkszeug. Die NVIDIA-Zahlen sind eine Momentaufnahme vom 16. Juli 2026 (Datenbasis: Barchart) und nicht mehr aktuell.