Auf welche Zahlen es wirklich ankommt, wenn du eine Aktie analysierst

Am Ende des Webinars vor ein paar Tagen habe ich eine Frage in den Chat gestellt: Was würdet ihr an meiner Stelle mit Nike machen? Fünfzehn Teilnehmer haben geantwortet. Vierzehn rieten ab. Einer hielt die Aktie für ein Schnäppchen.
Das Interessante an diesem Ergebnis ist nicht die Richtung. Interessant ist, dass dieselben Leute eine Stunde vorher mehrheitlich keine Meinung hatten. Zwischen beiden Momenten lagen keine Kursprognosen und keine Kaufempfehlung, sondern vier Zahlen aus einem Geschäftsbericht. Genau um diese Zahlen geht es hier.
Denn die meisten Privatanleger scheitern bei der Aktienanalyse nicht daran, dass sie zu wenig rechnen können. Sie scheitern daran, dass sie die falsche Zahl anschauen.

Der Gewinn ist die schwächste Zahl im ganzen Bericht

Fast jeder beginnt beim Gewinn. Er steht ganz unten in der Gewinn- und Verlustrechnung, er ist die Grundlage des KGV, und er wird in jeder Schlagzeile zitiert. Er ist auch die Zahl mit dem meisten Ermessensspielraum. Wie schnell Maschinen abgeschrieben werden, wann eine Rückstellung gebildet oder aufgelöst wird, wie eine Restrukturierung verbucht wird – all das verschiebt den Gewinn, ohne dass ein einziger Dollar das Unternehmen verlässt oder erreicht. Der Cashflow hat diesen Spielraum nicht. Geld ist entweder auf dem Konto oder nicht.
Bei Nike sah das im abgelaufenen Geschäftsjahr, das Ende Mai 2026 endete, so aus: 3,11 Milliarden Dollar Gewinn – und 2,87 Milliarden Dollar operativer Cashflow. Der Gewinn war also größer als das Geld, das aus dem laufenden Geschäft tatsächlich hereinkam. Zwei Jahre vorher war das Verhältnis umgekehrt und deutlich gesünder: 5,7 Milliarden Gewinn, 7,43 Milliarden operativer Cashflow. Das ist die erste Prüfung, und sie kostet dich zwei Minuten. Du suchst im Geschäftsbericht den Nettogewinn und den operativen Cashflow und legst sie nebeneinander. Liegt der Cashflow über mehrere Jahre verlässlich über dem Gewinn, verdient das Unternehmen echtes Geld. Liegt er darunter, ist das kein Urteil, aber eine Frage: Wo bleibt das Geld?

Die Dividende, die aus der Substanz kommt

Bei Nike führt diese Frage direkt zur nächsten Zahl. Vom operativen Cashflow bleiben nach Investitionen in Gebäude, Läden und Technik 2,18 Milliarden Dollar übrig – der freie Cashflow, also das, was dem Unternehmen wirklich zur freien Verfügung steht. An die Aktionäre ausgeschüttet wurden im selben Zeitraum 2,41 Milliarden Dollar Dividende.
Rechne nach: Es wurde mehr ausgeschüttet als verdient. Bei einem Kurs von 35,51 Dollar ergibt die Dividende eine Rendite von gut viereinhalb Prozent. Die klingt großzügig. Bezahlt wird sie aus einem freien Cashflow, der kleiner ist als die Ausschüttung – die Differenz kommt aus der Kasse.
Eine zweite Zahl aus derselben Zeile des Berichts sagt noch mehr. Nike hat im Geschäftsjahr 2024 für 4,25 Milliarden Dollar eigene Aktien zurückgekauft, im Jahr darauf für knapp 3 Milliarden – und im vergangenen Jahr für 146 Millionen. Das Rückkaufprogramm ist praktisch eingestellt. Wenn ein Unternehmen seine eigene Aktie für ein Schnäppchen hielte, würde es bei diesen Kursen zugreifen. Es tut das Gegenteil. Diese Information steht in keiner Schlagzeile, sondern in einer Zeile des Cashflow-Berichts, die drei Sekunden zum Lesen braucht.

Die Zahl, die fast niemand anschaut

Jetzt kommt die Kennzahl, die im Webinar für die größte Überraschung gesorgt hat. Sie heißt Forderungen aus Lieferungen und Leistungen und steht in der Bilanz auf der Aktivseite. Sie zeigt, wie viel Geld Kunden dem Unternehmen noch schulden – Ware ist geliefert, Umsatz ist gebucht, bezahlt ist nichts.
Nikes Umsatz lag im vergangenen Geschäftsjahr bei 46,4 Milliarden Dollar und damit praktisch exakt auf dem Niveau des Vorjahres. Die offenen Forderungen aber stiegen von 4,72 auf 5,93 Milliarden Dollar, also um gut ein Viertel. Umgerechnet auf Tage: Vor zwei Jahren dauerte es im Schnitt rund 32 Tage, bis eine Rechnung bezahlt war, im vergangenen Jahr waren es knapp 47.

Für so eine Entwicklung gibt es harmlose Erklärungen und unangenehme. Vielleicht verschiebt sich das Geschäft stärker zu Großhändlern mit längeren Zahlungszielen. Vielleicht wurden Händlern großzügigere Konditionen eingeräumt, damit sie überhaupt bestellen. Dass du die Erklärung nicht sofort hast, ist kein Problem – dass du die Frage stellst, ist der ganze Punkt.
Dasselbe gilt für das Lager. Nikes Vorräte liegen bei 7,5 Milliarden Dollar, was bei den aktuellen Kosten gut hundert Tagen Ware entspricht. Vor zwei Jahren waren es etwa 96. Jeder zusätzliche Lagertag ist gebundenes Geld und irgendwann ein Rabatt, der auf die Marge drückt.

Die Marge erzählt, ob die Marke noch trägt

Womit wir bei der Bruttomarge wären, der letzten der vier Zahlen. Sie ist der Anteil des Umsatzes, der nach Abzug der Herstellkosten übrig bleibt, und bei einem Markenartikler ist sie das Preisschild der Marke selbst. Wer Nike heißt und vier Prozent Aufschlag durchsetzt, hat ein Problem, das keine Werbekampagne löst.
Im Geschäftsjahr 2024 lag Nikes Bruttomarge bei 44,6 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es 42,9. Die Differenz von knapp zwei Prozentpunkten klingt nach wenig und entspricht bei diesem Umsatz rund 800 Millionen Dollar im Jahr. Unter dem Strich blieben zuletzt 6,7 Prozent des Umsatzes als Gewinn hängen, nach 11,1 Prozent zwei Jahre zuvor.
Und erst an dieser Stelle lohnt sich der Blick auf die Bewertung. Nike kostet aktuell rund 35,50 Dollar, verdient hat das Unternehmen zuletzt 2,10 Dollar je Aktie, das ergibt ein KGV von knapp 17. Auf dem Gewinnniveau von 2024 – 3,73 Dollar je Aktie – läge dasselbe Unternehmen beim selben Kurs bei einem KGV von 9,5.
Das ist die eigentliche Lektion hinter dem KGV: Ob eine Aktie billig ist, hängt nicht vom Kurs ab, sondern davon, welchen Gewinn du für normal hältst. Das KGV beantwortet diese Frage nicht. Es setzt die Antwort voraus.

Die Reihenfolge ist der halbe Trick

Vier Zahlen, keine davon versteckt, alle in jedem Geschäftsbericht auffindbar. Was sie wirkungsvoll macht, ist die Reihenfolge, in der du sie liest – und die ist genau umgekehrt zu der, die die meisten wählen.
Du fängst hinten an, beim Cashflow, weil dort am wenigsten gestaltet werden kann. Dann gehst du in die Bilanz und schaust, ob Forderungen und Lager im Gleichschritt mit dem Umsatz laufen oder davonlaufen. Erst danach öffnest du die Gewinn- und Verlustrechnung und prüfst die Marge. Und ganz zum Schluss, wenn du weißt, mit was für einem Unternehmen du es zu tun hast, schaust du auf den Preis.
Wer in dieser Reihenfolge arbeitet, braucht für eine erste belastbare Einschätzung etwa eine halbe Stunde. Ohne Buchhaltungsstudium, ohne Bloomberg-Terminal, mit einem Taschenrechner und der Fähigkeit, drei Geschäftsjahre nebeneinanderzulegen.

Nike legt übrigens am 1. Oktober neue Quartalszahlen vor. Wenn du die vier Zahlen bis dahin kennst, liest du diesen Bericht nicht mehr über die Schlagzeile, sondern selbst. Schau dir an, ob die Forderungen weiter steigen und ob die Bruttomarge den Boden findet. Das sind die beiden Stellen, an denen sich die Frage nach Schnäppchen oder Falle entscheidet.
Wenn du die ganze Routine willstIm Webinar habe ich diese Analyse in Kurzform gezeigt. Ausführlich steckt sie in meiner Masterclass Aktienanalyse: vier Module, zwölf Videolektionen, aufgebaut wie eine Ermittlung. Du sicherst Spuren, verhörst die Zahlen, prüfst die Warnsignale und fällst am Ende dein eigenes Urteil – am durchgehenden Fall Nike, mit den echten Zahlen aus dem Geschäftsbericht.

Zum Start gilt noch der Einführungspreis: 79 statt 97 Euro mit dem Code `Analyse`, gültig bis zum 30. September. Über diesen Link ist der Code schon hinterlegt, du musst nichts eintippen: → Masterclass Aktienanalyse für 79 Euro sichern

Der Zugang zur Premium-Community ist dabei, ohne Folgekosten. Und falls der Kurs nicht das ist, was du erwartet hast, hast du vierzehn Tage Zeit, das Geld zurückzuverlangen.
Alles, was du hier liest, ist meine Einordnung öffentlich verfügbarer Zahlen und keine Anlageberatung. Die Entscheidung, was du mit deinem Geld machst, bleibt deine – dieser Text soll dir nur bessere Werkzeuge dafür geben.